
Innovation beginnt nicht immer im Forschungslabor. In Kitzingen begann sie mit Telefonaten: Wer wäre dabei, wenn wir gemeinsam ein Technologietransferzentrum aufbauen? Aus dieser Initiative ist das Technologietransferzentrum Kitzingen (TTZ-KT) entstanden – und mit ihm ein Netzwerk, das Wissenschaft, Unternehmen und Nachwuchskräfte miteinander verbindet.
2023 gegründet und – seit 2025 unter der Leitung von Prof. Dr.-Ing. Erik Schaffernicht – auf Künstliche Intelligenz, Robotik und Digitalisierung spezialisiert, ist das TTZ-KT ein Institut der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt (THWS). Ein Begleiter und Befürworter der ersten Stunde ist Lothar Pfeuffer, Geschäftsführer der Pfeuffer GmbH aus Kitzingen.
Das Unternehmen entwickelt und produziert Technologien für die Probennahme und Qualitätsanalyse von Getreide und Saaten. Dass ausgerechnet ein Agrartechniker zu den Initiatoren des TTZ gehört, ist kein Zufall: Für mittelständische Unternehmen wird es immer wichtiger, neue Technologien nutzen zu können, ohne dafür die entsprechenden Kompetenzen selbst im Haus aufbauen zu müssen.
Eine Idee aus der Region
Die Entstehung des TTZ-KT birgt vor allem die Geschichte über Vernetzung und gemeinsames Engagement. Die Initiative ging von Landrätin Tamara Bischof und dem damaligen Wirtschaftsförderer Frank Albert aus. Ziel war es, Unternehmen aus dem Landkreis für die Idee zu gewinnen. Dabei wurden zahlreiche Unterstützer angesprochen und am Ende beteiligten sich über 20 Unternehmen als Stifter. Obwohl ursprünglich ein deutlich kleinerer Stifterkreis vorgesehen war, stellte sich gerade die breite Beteiligung aus den verschiedensten Branchen als wichtigste Stärke des Projekts heraus.
Zunächst aber musste sich die Gruppe darüber verständigen, welche Themen ein solches Zentrum in Kitzingen überhaupt abdecken sollte. In Workshops wurden verschiedene Schwerpunkte diskutiert und letztlich erwiesen sich KI und Robotik als die Fachbereiche, die für besonders viele Unternehmen von Interesse waren. Doch gerade in diesem Bereich gilt es, genauer hinzusehen, denn KI ist schnell als Buzzword zur Hand. Die entscheidende Frage lautet: Was kann ein Unternehmen damit tatsächlich anfangen? Welche Aufgabe gehört in ein TTZ, welche zu einem spezialisierten Dienstleister und wo ist echte Forschung gefragt?
Genau hier sieht Erik Schaffernicht eine wichtige Aufgabe des TTZ: Es soll Unternehmen einen einfachen Zugang zu wissenschaftlicher Expertise ermöglichen. Wer eine spezielle Fragestellung hat, muss nicht erst herausfinden, welchen Ansprechpartner er an der Hochschule kontaktieren kann. Das TTZ fungiert als Brückenkopf – und bei Bedarf auch als Wegweiser zu anderen Instituten der THWS.
Der Netzwerkgedanke ist entscheidend
Der größte Mehrwert des TTZ entsteht dabei nicht zwangsläufig innerhalb eines einzelnen Projekts. Er entsteht im Austausch. Ein Unternehmen braucht eine Messmaschine? Ein anderes hat vielleicht genau die richtige. Jemand sucht Know-how im 3D-Druck? Im Netzwerk findet sich möglicherweise ein passender Ansprechpartner. Was von außen betrachtet nach völlig unterschiedlichen Geschäftsfeldern aussieht, kann bei genauerem Hinsehen überraschende Schnittstellen aufweisen. Deshalb präsentieren sich die Partner – und das ist in Kitzingen einmalig – im Netzwerk, treffen sich alle zwei – drei Monate bei einem anderen Stifterunternehmen, werden von der THWS besucht und kommen mit Studierenden und Forschenden in Kontakt. Masterarbeiten können vermittelt, Kontakte hergestellt und gemeinsame Projekte angestoßen werden. Dafür steht das TTZ-KT.
Aber es versteht sich dabei ausdrücklich nicht als Einzelkämpfer. Geht es beispielsweise um Cybersecurity oder spezielle Fertigungsverfahren, kann es an andere TTZ-Standorte weitervermitteln. So entsteht ein noch größeres Innovationsnetzwerk, in dem Kitzingen als regionaler Zugangspunkt eine wichtige Rolle übernimmt.
Wenn die KI Käfer erkennt
Wie Technologietransfer ganz konkret funktioniert, zeigt das Projekt „BeetleSee“ der Pfeuffer GmbH und dem TTZ-KT: Nach der Ernte muss Getreide auf Schädlingsbefall kontrolliert werden, bevor es eingelagert werden kann. Denn aus wenigen Käfern können während der monatelangen Lagerung viele werden – mit erheblichen Folgen für die Qualität des Getreides. Bisher wurde die Kontrolle im Wesentlichen über Siebung und Sichtprüfung von Mitarbeitenden vorgenommen. Das Problem dabei: Gerade in Spitzenzeiten fehlen Fachkräfte, und gleichzeitig hängt an der Entscheidung viel Geld. Hier soll Künstliche Intelligenz unterstützen.
Vor rund drei Jahren begann Lothar Pfeuffer gemeinsam mit dem TTZ mit der Entwicklung eines automatisierten Verfahrens. Die Anforderungen waren von Anfang an klar: Die Technik sollte möglichst einfach, robust und kostengünstig sein. Auch die Aufgabenverteilung war definiert: Pfeuffer liefert die Maschine, das TTZ die KI-Technologie. Das Gerät, das die Lösung bringt, wirkt auf den ersten Blick unspektakulär: Einfülltrichter, Metallgehäuse, Touchdisplay. Und dann wird der Vorgang per Knopfdruck gestartet.
Während die Körner in hoher Geschwindigkeit durch die Maschine fallen, werden in kürzester Zeit tausende Fotoaufnahmen gemacht. Bei einer Probe von 1,5 Kilogramm entstehen rund 5.000 Bilder innerhalb von etwa 45 Sekunden. Jedes Korn wird dabei zweimal fotografiert. Zunächst sucht eine KI nach Strukturen, die einem noch so kleinen Käfer entsprechen – denn die KI erkennt die Schädlinge in jedem Stadium –, um anschließend genauer zu bestimmen, um welche Art es sich handelt. Dabei steckt die eigentliche Herausforderung im Detail.
Wie wird beispielsweise mit neuen invasiven Arten umgegangen, die sich durch den Klimawandel verbreiten können? Die erkannten Käfer werden in einer Cloud gespeichert und später erneut bewertet oder klassifiziert. Für das Training der KI werden wichtige Käferarten gezüchtet und unter unterschiedlichen Bedingungen und in verschiedenen Entwicklungsstadien fotografiert. So entsteht eine Datenbasis, mit der das System kontinuierlich verbessert wird und gleichzeitig die Analyseergebnisse dokumentiert werden. Aus einer manuellen Sichtprüfung wird damit ein digital nachvollziehbarer Prozess.
Forschung mit direktem Nutzen
Doch welchen Nutzen bietet das TTZ-KT für die Wirtschaft? Die Formen der Zusammenarbeit sind vielfältig: studentische Abschlussarbeiten, konkrete Forschungs- und Entwicklungsaufträge oder Forschungsprojekte, die über Förderprogramme von Land oder Bund finanziert werden. Veranstaltungen und Workshops sollen zusätzlich zeigen, welche Möglichkeiten moderne Technologien inzwischen bieten. Für Unternehmen ist das besonders wertvoll, da KI und Robotik oftmals nicht zum eigentlichen Kerngeschäft gehören. Das TTZ bringt Wissen und Kompetenzen ein, die ein einzelner Mittelständler häufig nicht vorhalten kann.
Was braucht es also, damit ein TTZ in einer Region erfolgreich wird? Schaffernicht und Pfeuffer nennen vor allem zwei Dinge: ein funktionierendes Netzwerk und die Bereitschaft der Unternehmen, sich einzubringen. Dabei profitieren nicht nur die Stifter, denn das TTZ steht grundsätzlich allen Unternehmen offen. Je größer das Netzwerk wird, desto sichtbarer wird auch der Standort. Mehr Kontakte führen zu mehr Ideen, weiteren Projekten und letztlich zu mehr Aufträgen und Kooperationen.
Genau darin liegt die eigentliche Stärke des TTZ-KT: Es geht nicht allein darum, Künstliche Intelligenz oder Robotik in die Unternehmen zu bringen. Es geht darum, Menschen zusammenzubringen, die gemeinsam etwas bewegen können. So wird aus Technologietransfer ein gelebtes regionales Netzwerk und aus vielen einzelnen Akteuren mehr Innovationskraft für Mainfranken.
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